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Die Finanzaufsicht komplexer Märkte – ein Frisbee-Spiel

2012/09/05
This is a slightly shortened  German language version of my comments  to Andrew Haldane’s speech  onThe Dog and the Frisbeewhich I wrote for Carta.

Die Finanzkrise hat daran erinnert, wie abhängig die Weltwirtschaft von einem gut funktionierenden Bankensektor und stabilen Finanzmärkten ist. Davon sind wir zur Zeit weit entfernt. Mit Basel III wird versucht, die Risiken einzudämmen, doch Beobachter äußern zunehmend Zweifel, ob die dort formulierten Regeln eine angemessene Antwort auf die anstehenden Herausforderungen sind. International viel Beachtung finden in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Andrew Haldane (Executive Director for Financial Stability, Bank of England). Er vergleicht Ökosysteme und Finanzsystem und zeichnet ein Bild großer Banken, die als „super-spreader“ im Mittelpunkt weiter Netzwerke stehen. Ähnlich einem Virus sind diese Banken in der Lage, in einer Finanzkrise Ansteckung zu verbreiten. Auf sie sollte sich daher das Hauptaugenmerk der Finanzaufsicht richten.

Das Problem, das Haldane dabei sieht, ist der Grad der Komplexität des Systems. In seinem jüngst in Jackson Hole präsentierten Papier „The Dog and the Frisbee“ plädiert er für eine Vereinfachung der Basel III-Regeln, um dieser Komplexität Herr zu werden. In einem atemberaubenden Rundumschlag stellt er Verbindungen her zwischen den Grundzügen der Komplexitätstheorie, dem Bounded-Rationality-Ansatz von Herbert Simon und den Argumenten der Verhaltensökonomen Daniel Kahneman and Amos Tversky und verweist auf Beispiele aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Sport und Medizin. Sein Argument lautet: In komplexen Systemen benötigen Entscheidungsträger viel zu viele Informationen, um mit Feinsteuerung auf Fehlentwicklungen zu reagieren. Auch der Hund, der einen Frisbee fängt – ein durchaus komplexes Unterfangen, dessen Erfolg von einer Vielzahl von Einflüssen wie Geschwindigkeit und Windverhältnissen abhängt – , wendet nicht die Newtonschen Bewegungsgesetze an, sondern läuft, wie Untersuchungen gezeigt haben, instinktiv einer einfachen Verhaltensregel folgend dem Frisbee entgegen. Entsprechend erlauben einfache Regeln der Finanzaufsicht, Krisen unter Kontrolle zu bekommen. Ob diese Sicht jedoch zutrifft, hängt unter anderem davon ab, was unter Komplexität zu verstehen ist.

Komplexe Netzwerke?

In wissenschaftlichen Studien erfährt zur Zeit die Erforschung von Netzwerken in der Ökonomie einen großen Aufschwung. Für die Finanzmärkte sei neben den erwähnten Texten von Andrew Haldane beispielhaft auf die Arbeiten von Greg Fisher von Synthesis verwiesen, einem Think-Tank, der sich der Erforschung komplexer Netzwerke in den Sozialwissenschaften widmet, oder auch auf  Stefania Vitali  und Stefano Battiston und ihre Kollegen von der ETH Zürich, die die globalen Netzwerke von Firmen untersuchen und DebtRank, eine Methode zur Messung von Systemrisiken, entwickelt haben. Komplexität entsteht hier aus der Vielzahl der Verbindungen von Banken untereinander, die als Ursache dafür angesehen wird, dass sich Krisen in unkontrollierbarer Weise ausbreiten.

Warum wird der Aspekt der Komplexität so stark betont? Das internationale Finanzsystem ist riesig und verzweigt und in all seinen Ausprägungen und Spielarten wenig überschaubar. Was macht es da aus, ob es – nicht im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs, sondern in wissenschaftlich definierter Weise – auch noch komplex ist?

Der Grund ist, dass Komplexität die Herausforderungen, denen sich Wissenschaft und Politik gegenübersehen, ganz erheblich verschärft. Generell wird für ein nicht-komplexes System, so groß und unübersichtlich es auch sein mag, davon ausgegangen, dass sich Wirkungszusammenhänge auf wenige, allgemeingültige Relationen reduzieren lassen und dass eine direkte Beziehung zwischen Ursache und Wirkung besteht, die – abgesehen von zufälligen Abweichungen aufgrund kleiner vorübergehender Störungen – ohne Einwirkungen von außen immer gleich bleibt und sich beobachten oder zumindest aus der Analyse vergangener Entwicklungen schließen lässt. Die so gewonnenen Erkenntnisse erlauben dann, Handlungsoptionen zu beurteilen und daraus Politikempfehlungen abzuleiten.

Komplexe Systeme dagegen lassen sich in der Regel nicht auf wenige, immer gültige Grundzusammenhänge reduzieren und was sich in der Vergangenheit beobachten ließ, erlaubt in diesen Systemen keine Rückschlüsse auf die Zukunft.

In der Literatur finden sich zahlreiche Definitionen für Komplexität. Der Vergleich mit Ökosystemen stellt auf sogenannte komplexe adaptive Systeme ab. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Informationen über ihre Umwelt, und auch über die eigene Wechselwirkung mit dieser Umwelt aufnehmen und verarbeiten. Lernen und Interaktion stehen bei dieser Definition im Mittelpunkt. Jeder Mensch ist ein komplexes adaptives System, und auch der Hund, der den Frisbee fängt. Jenes Beispiel für Komplexität geht übrigens auf eine Anekdote von Murray Gell-Mann, dem Physik-Nobelpreisträger, zurück, die er in seinem Buch Das Quark und der Jaguar zum Besten gibt:

„Der verstorbene Biochemiker Isaac Asimov … erzählte mir, er habe einmal eine Auseinandersetzung mit einem theoretischen Physiker gehabt, der bestritt, dass ein Hund die Newtonschen Bewegungsgesetze kennen könne. Asimov fragte entrüstet: „Und das behaupten Sie auch dann noch, wenn Sie gesehen haben, daß ein Hund einen Frisbee mit seinem Maul aufschnappt?“ Offensichtlich verknüpften beide mit dem Wort „kennen“ unterschiedliche Bedeutungen …“

Eine wichtige Eigenschaft komplexer adaptiver Systeme ist die Selbstorganisation. Die Bestandteile der Systeme stehen miteinander in einer Weise in Wechselwirkung, die zur Herausbildung eines Phänomens führt, das als „Emergenz“ bezeichnet wird. Emergenz ist eine kollektive Eigenschaft des Systems in seiner Ganzheit. Andrew Haldane erwähnt in diesem Zusammenhang das Beispiel von Lawinen, wie sie etwa in Sandhaufen entstehen. Per Bak, ein dänischer Physiker, der sich mit der Erforschung emergenter, komplexer Systeme befasste, hat die Abläufe hierzu in seinem Buch How Nature Works sehr anschaulich beschrieben und ich versuche mich einmal an einer sinngemäßen inhaltlichen Übersetzung (der Originaltext ist hier zitiert):

-          Man stelle sich eine Tischplatte vor, auf die jemand ganz langsam, Körnchen für Körnchen Sand fallen lässt. Zunächst bleiben die Sandkörner mehr oder weniger dort liegen, wo sie gerade landen. Wenn mehr Sand hinzukommt, wird der Haufen steiler und es kommt hier und da zu kleineren Lawinen, wenn neue Körner hinzugefügt werden. Dann kann es passieren, dass ein Korn auf einem anderen landet, von dort herunterrollt und dabei andere Körner ebenfalls ins Rollen bringt. Es entsteht so eine örtlich begrenzte Störung, von der der Haufen als Ganzes weitgehend unberührt bleibt.Was an der einen Stelle des Haufens geschieht, hat auf weiter entfernte Teile keinen Einfluss. In diesem Stadium gibt es (noch) keine übergreifende Kommunikation innerhalb des Haufens, nur viele einzelne Körner.

-          Mit zunehmender Steigung des Haufens wird es immer wahrscheinlicher, dass ein Korn bei seiner Landung andere ins Rollen bringt. Schließlich kann ab einem kritischen Wert die Steigung nicht länger zunehmen, weil im Durchschnitt für Sand, der beispielsweise in der Mitte zu dem Haufen hinzugefügt wird, Sand an den Rändern herunterfällt. … Wie unmittelbar einsichtig ist, muss für diesen Vorgang des Dazukommens an einer Stelle und des gleichzeitigen Verlustes an einer anderen Stelle  (eine Art von) Kommunikation innerhalb des  Systems stattfinden … 

-          Durch das Hinzufügen von Sand veränderte sich das System von einem Zustand, in dem einzelne Körner ihrer eigenen örtlich begrenzten Dynamik folgen, hin zu einem kritischen Zustand einer emergenten, systemweiten Dynamik (die den gesamten Haufen erfasst). … Und diese Emergenz des Sandhaufens wäre in keinster Weise durch eine Analyse der Eigenschaften der einzelnen Körner vorhersehbar gewesen.

Das Beispiel des Sandhaufens zeigt, dass hier offenbar unter Information und Kommunikation sehr viel mehr verstanden wird als im alltäglichen Sprachgebrauch. Murray Gell-Mann schreibt dazu in seinem Buch:

„Beispiele für die Funktionweise komplexer adaptiver Systeme liefert uns nicht allein Lernen im gewöhnlichen Sinne. Viele weitere Beispiele finden wir im Bereich der biologischen Evolution. Während Menschen im wesentlichen durch individuellen oder kollektiven Einsatz ihrer Gehirne Wissen erwerben, erhalten die übrigen Tiere einen viel größeren Teil ihrer lebenswichtigen Informationen im Wege direkter genetischer Vererbung; diese Information, die sich über Jahrmillionen entwickelt hat, liegt dem zugrunde, was man mitunter, recht vage, „Instinkt“ nennt. In den Vereinigten Staaten geschlüpfte Monarch-Schmetterlinge „wissen“, welche Richtung sie auf ihrer Wanderung in riesigen Schwärmen zu den kiefernbedeckten Abhängen der Vulkane unweit von Mexico City, ihrem Überwinterungsareal, einschlagen müssen.“

Komplexe adaptive Systeme weisen neben der Interaktion mit ihrer Umgebung und der Emergenz noch eine weitere Eigenschaft auf, die in dem hier betrachteten Zusammenhang wichtig ist: eine hohe Sensitivität gegenüber den Ausgangsbedingungen. Sie ist die Ursache dafür, dass ursprünglich sehr ähnliche Entwicklungen schon nach kurzer Zeit auseinanderlaufen und es nicht möglich ist, allgemein gültige Vorhersagen darüber zu treffen. Ein Sandkorn mag genügen, um an einer ganz anderen Stelle des Systems eine Lawine hervorzurufen oder wie es der Mathematiker und Meteorologe Edward Norton Lorenz in dem Titel einer Arbeit ausdrückte: Das Flattern eines Schmetterlingsflügels in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen (The flap of a butterfly’s wings in Brazil may set off a tornado in Texas).

Das Problem ist: Die Forscher wissen, dass diese Effekte existieren.  Um aber Aussagen darüber zu treffen, wie sich ein System in der Zukunft verhalten wird und in welcher Weise es sich beeinflussen lässt, müsste der Verlauf der Vielzahl der Sandkörner oder Schmetterlingsbewegungen und ihrer Wechselwirkungen mit Millionen von anderen systemrelevanten Einflüsse im Einzelnen vorausbestimmt werden – eine unmögliche Aufgabe.

Finanzkrisen

Das weltweite Finanzsystem weist alle Merkmale eines komplexen adaptiven Systems auf, dessen Mitglieder untereinander und mit ihrer Umgebung in den Volkswirtschaften in vielfältiger Weise in ständigem Austausch stehen. Es ist ein lernendes System, das sich ständig weiterentwickelt und dessen Funktionsweise sich nicht auf wenige allgemeingültige Beziehungen reduzieren lässt. Zeiten starker und geringer Aktivität wechseln. Es gibt örtlich begrenzte Störungen und solche, die sich urplötzlich oder auch ganz allmählich zu globalen Krisen entwickeln. Dabei gibt es keine Möglichkeit vorherzusehen, ob und wann ein lokales Phänomen zu einer Bedrohung für das globale System wird.

Wie sich gerade in der Eurokrise zeigt, stellt diese Unsicherheit eine große Herausforderung für die Politik dar. Wird die Situation beherrschbar bleiben oder wird sie trotz aller Rettungsbemühungen irgendwann unhaltbar werden? Können die Banken und Volkswirtschaften Europas eine Abschaffung des Euro und den Rückgang zu nationalen Währungen verkraften oder wäre das der Auslöser für einen Zusammenbruch? Wäre bereits der Austritt Griechenlands oder eines anderen Landes aus dem Eurowährungsgebiet der Schmetterlingshauch, der das System zum Einsturz bringt? Ist es denkbar, dass schon der Ausfall einzelner Banken einen solchen Effekt hat? Lassen sich im Falle eines Zusammenbruchs die Folgen auf Europa begrenzen oder werden sie, wie einige Beobachter fürchten, auf andere Regionen übergreifen und diese mit in den Abgrund reißen?

Verständlicherweise drängt es Politik und Finanzaufsicht, in dieser Situation einzugreifen und zu versuchen, die Krise unter Kontrolle zu bringen und das System sicherer zu machen. Ob dies gelingen kann, hängt unter anderem davon ab, auf welche Weise sich Komplexität manifestiert. Sind es, wie Haldane und andere Autoren schreiben, die Netzwerke der Banken, die das internationale Finanzsystem zu einem komplexen adaptiven System machen?

Nach meinem Empfinden trifft diese Vorstellung nicht zu. Durch die Bankennetzwerke können Kettenreaktionen hervorgerufen werden, die eine Krise verschärfen und Entwicklungen an einem Ort weltweit übertragen. Hier greift die Vorstellung von der Ansteckungsgefahr. Was jedoch fehlt, ist der Aspekt der Interaktion mit der Umwelt und Rückkoppelung, das Wechselspiel unterschiedlicher Einflüsse, die in ihrem Miteinander und Gegeneinander Emergenz entstehen lassen und das System zwischen Ruhe und Turbulenzen hin- und herwerfen.

Netzwerkreaktionen spiegeln Krisenwirkungen wieder. Emergenz aber als das gleichgerichtete Handeln vieler, das das System als ein kohärentes Ganzes erscheinen lässt, entsteht nicht dort, sondern auf den Märkten.

Ausgangspunkt jeder Krise ist eine Reaktion Einzelner, die auf einem Sichtwandel beruht. Andere Marktteilnehmer schließen sich dem an. Allmählich – oder manchmal auch ganz abrupt – zieht die Reaktion immer weitere Kreise. Die veränderte Einschätzung kann sich auf Risiken beziehen und auf Preise oder Erträge, die plötzlich als unangemessen empfunden werden, Angebots- und Nachfragebedingungen mögen sich subjektiv oder objektiv geändert haben oder die Liquidität oder Solvenz von Handelspartnern erfährt eine Neubewertung. Der Grund hierfür kann eine solide  Information sein oder auch nur ein Gerücht oder ein „Bauchgefühl“.

Es gibt Situationen, in denen die Marktreaktionen, die dieser Sichtwandel nach sich zieht, durch andere Entwicklungen überholt oder kompensiert werden, örtlich begrenzt bleiben und kaum Wirkung haben. In anderen Fällen dagegen verbreiten sie sich unter Umständen sehr schnell und zeigen schon bald Anzeichen von vielfachem gleichförmigem Verhalten und „Schwarmintelligenz“  (oder –dummheit). Herdentrieb und „Instinkt“ regieren zunehmend das Marktgeschehen. Rückkoppelungseffekte verstärken die Bewegung: Je mehr Menschen sich der neuen Sicht anschließen, desto mehr gewinnen zusätzlich die Überzeugung, auf den Zug aufspringen zu müssen, um nichts zu verpassen. Das Finanzsystem wandelt sich von einem System mit örtlich begrenzter Unruhe in einen Zustand globaler Instabilität. Die Krise ist da.

In jeder derartigen Entwicklung gibt es Gewinner und Verlierer. Sind „super-spreaders“,  also große Banken mit ihren weltumspannenden Netzwerken unter den Verlierern, ist die Funktionsfähigkeit des Systems weltweit bedroht und mit ihm die Volkswirtschaften und der Wohlstand vieler Länder.

Einfache Regeln

Kann die Finanzaufsicht, wie Andrew Haldane fordert, eine Krise, durch eine Vereinfachung ihrer Regeln eindämmen? Wenn Komplexität, wie skizziert, ihren Ursprung  in dem Marktgeschehen und nicht in den Netzwerken der Banken hat, sind daran Zweifel angebracht.

Haldane argumentiert im Rahmen der bestehenden Basel III-Vorschriften.  Beispielsweise plädiert er für eine Abschaffung der Möglichkeit, Kredit- und Marktrisiken mit Hilfe interner Modelle zu messen und möchte die drei Säulen, auf denen Basel III beruht, modifiziert und vereinfacht sehen. Dem Überprüfungsprozess möchte er auf der Grundlage bankenaufsichtlicher Erfahrungen größeren Raum einräumen. Ferner plädiert er für eine Besteuerung von „Komplexität“, die der zunehmenden Vernetzung und gegenseitigen Exponiertheit innerhalb des Finanzsystems Rechnung trägt, sowie für eine Größenbegrenzung und für eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken.

Die Aufzählung ist nicht erschöpfend. Dabei ist sehr gut vorstellbar, dass diese Reformvorschläge geeignet wären, das internationale Finanzsystem robuster und überschaubarer zu machen, dass Banken damit in die Lage versetzt würden, Krisen besser durchzustehen und ihre Aktivitäten für Aufsichtsbehörden eher nachvollziehbar würden. Nicht erkennbar ist jedoch, wie dadurch die Komplexität des Systems, die sich aus dem Wechselspiel der Vielzahl von Akteuren auf den Märkten untereinander und mit ihrer Umwelt ergibt, verringert werden kann.

In dem komplexen adaptiven System der Finanzmärkte treffen Akteure ihre Entscheidungen, ohne die Wirkungsweise des Ganzen zu überschauen und zu verstehen. Jeder Marktteilnehmer hat seine eigene Art, sein eigenes „Rezept“, damit umzugehen. Aus der Fachliteratur kennen wir die Unterscheidung in Chartisten und Fundamentalisten. Dazu gibt es zahllose Variationen und Kombinationen. Sie alle tragen in wechselseitiger Beeinflussung zu dem Auf und Ab der Märkte bei, wobei es immer wieder zu Situationen kommt, in denen „der Markt“ zu einer weitgehend einheitlichen Auffassung gelangt und die Dynamik von gleichgerichtetem Handeln bestimmt wird.

Die Frage stellt sich, welche Rolle Bankenaufsicht und Politik in diesem System spielen können. Haldane betrachtet diesen Aspekt nicht, aber seine Vorschläge wären unter Umständen dadurch, dass sie eine deutliche Veränderung der Spielregeln mit sich brächten, in unbeabsichtigter Weise durchaus geeignet, die Krisenhäufigkeit und -anfälligkeit des Systems zu verringern – oder umgekehrt (auch über die Wirkungsrichtung lässt sich in einem komplexen System keine Aussage treffen) zu erhöhen

Bleibt abschließend die Überlegung: Wenn es darum geht, Krisen als Begleiterscheinung von Komplexität zu verhindern oder abzuschwächen, wäre es dann nicht sinnvoll, direkt eine Beeinflussung der Märkte ins Auge zu fassen (womit, das sei betont, nicht ein Verbot von Leerverkäufen, die Einführung von Preis- oder Mengenbeschränkungen oder ähnliches gemeint ist, sondern eher die Erwägung einer wie auch immer gearteten Marktpräsenz)? Würde sich unter diesem Aspekt nicht unabhängig von Basel III ein Nachdenken über einen völlig neuartigen Ansatz lohnen?

Die Manias, Panics, and Crashes, die Charles Kindleberger beschrieben hat, sind, so scheint es, längst noch nicht Vergangenheit.

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2 Comments
  1. Christoph Zettler permalink

    Ich habe Haldanes Beitrag noch nicht gelesen, aber ich denke, ich kann seine Argumenteskette zur Vereinfachung von Basel III trotzdem nachvollziehen. Ich könnte mir vorstellen, es geht ihm um die Komplexität der Regulierung, nicht der Vernetzung der Banken. Durch die Vereinfachung von Basel III soll ja nicht, wie Sie gesagt haben
    (“Nicht erkennbar ist jedoch, wie dadurch die Komplexität des Systems, die sich aus dem Wechselspiel der Vielzahl von Akteuren auf den Märkten untereinander und mit ihrer Umwelt ergibt, verringert werden kann”)
    die Komplexität des Bankennetzwerkes untereinander reduziert werden, sondern nur die Komplexität der Regulierung. Was ja dann wiederrum zu klareren Erkennbarkeit von Ursache-Wirkungszusammenhängen führt und damit zu einer – hofffentlich – verbesserten Krisenprävention. Ich denke, dass möchte Haldane mit seiner Argumentation für ein vereinfachtes Basel III herausstellen.
    Das Wirtschaftsleben sollte m.E. gestaltet sein wie Schach. Mit 2 Komplexitätsebenen: 1. Regeln. 2. Das Spiel an sich. Meiner Meinung nach sollte es, wie im Schach nur wenige, klare Regeln (Regulierung) geben: Trotzdem ist beim Schach jedes Spiel anders, es herrscht eine unglaubliche Komplexität.(was ja auch gewünscht ist = Marktgeschehen).

    Ich stelle mir gerade vor wie komplex das Spiel Schach wäre, wenn es für jede Regel zig Ausnahmen geben würde. Dann würde sich die Komplexität bis ins Unendliche steigern. (Komplexitätsgrad “Regeln x Komplexitätsgrad “Spiel an sich”) Und keiner würde mehr spielen, bzw. Erfolg wäre dann nur noch rein zufällig, weil keiner die Ursache-Wirkungszusammenhänge überblicken bzw. verarbeiten kann. So weit sind wir, bzw. unser Banken bzw. Finanzwirtschaft m.E. noch nicht, allerdings ist jede neue Regel ein Schritt in diese Richtung.

    Ich hoffe, Ich habe Ihren Artikel verstanden und habe jetzt nicht nur Nonsens geschrieben. (Ich werde mir in den nächsten Tagen mal den Artikel von Haldane durchlesen) Ihr Artikel hat mir übrigens sehr gut gefallen.

    • Vielen Dank für Ihre Anmerkungen. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie Haldane hier zutreffend interpretieren. Wenn er für eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken plädiert, scheint mir das schon in die Richtung zu gehen, die Netze selbst zu verkleinern. Das Schach-Beispiel gefällt mir sehr. Das Problem der Finanzmarktregulierung ist nur, dass das eigentliche Spiel nicht bekannt ist und mit einfachen Regeln unter Umständen in etwas eingegriffen wird, das ganz anders funktioniert, als sich die Entscheidungsträger vorstellen. Etwa so, als würde man mit Schachregeln versuchen, Dame zu spielen. Na ja, das Beispiel hinkt …

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