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Finanzmärkte im Katastrophenschutz

2012/10/12
This is a shortened  German language version of my last blog post on Complexity and the madness of crowds – lessons from disaster prevention which I was happy to write again for Carta.

In meinem letzten Beitrag hatte ich kurz skizziert, warum sich Finanzmärkte als komplexe adaptive Systeme einer wirtschaftspolitischen Beeinflussung im herkömmlichen Sinne entziehen. Ist die Politik also dazu verdammt, hilflos danebenzustehen, wenn die „Madness of Crowds“ ihre zerstörerischen Wirkungen entfaltet? Finanzkrisen werden in jüngster Zeit gern mit Klimaphänomenen oder Epidemien verglichen. Aber keine Regierung der Welt käme auf die Idee, dem Wüten von Stürmen, Flutkatastrophen oder Seuchen tatenlos zuzusehen, nur weil sie nicht in der Lage ist, das zugrundeliegende Systemverhalten vorauszusehen und zu verändern. Staaten verfügen in der Regel über einen effizienten Katastrophenschutz, der sowohl die Prävention als auch die Schadensbegrenzung im Krisenfall umfasst. Ähnliches lässt sich, wie ich im folgenden zeigen möchte, auch für das Geschehen auf den Finanzmärkten entwickeln.

Politik sieht sich in einer Finanzkrise vor die Notwendigkeit gestellt, kurzfristig Entscheidungen zu treffen, deren Wirkungen sie nicht vollständig überblickt. Die Aussicht, dabei möglicherweise der Panik der Märkte neue Nahrung zu bieten oder einen Run auf Banken auszulösen, lässt sie zögern, wo entschiedenes Vorgehen verlangt wäre. In einer solchen Situation Souveränität und Handlungsfähigkeit zu gewinnen und zu bewahren, ist oberstes Gebot jeden Krisenmanagements.

Soziologische Studien zu Panikverhalten in Menschenmengen sehen durchaus Parallelen zwischen Situationen, in denen Personen einer physischen Bedrohung ausgesetzt sind, wie etwa in einem brennenden Theater, und Fällen, in denen sie starke finanzielle Verluste fürchten. Wenn das zutrifft, stellt sich die Frage, welche Erkenntnisse sich hier aus der empirischen Panikforschung ziehen lassen.

 “Most major crowd disasters can be prevented by simple crowd management strategies.”

Gilt diese Aussage von John J. Fruin auch für Panik auf den Finanzmärkten? Auf den ersten Blick scheint das abwegig. Fruin bezieht sich auf Phänomene wie Massenpaniken bei Unruhen, Sportveranstaltungen und Musikfestivals. Bei näherem Hinsehen jedoch relativiert sich das Bild.

In der folgenden Tabelle sind einmal Ähnlichkeiten und Unterschiede von Situationen physischer Nähe bei Großereignissen und „virtueller“ Nähe auf den Finanzmärkten, die zu Panik führen können, gegenübergestellt. In beiden Fällen haben wir es mit großen Menschenmengen zu tun, die miteinander in Verbindung stehen und aufeinander reagieren. Eine Panik in Menschenansammlungen wird definiert als „eine Reaktion auf die Wahrnehmung einer Chancenreduktion auf null, eine lebensbedrohliche Situation nach eigenen Vorstellungen positiv beeinflussen zu können.“ (Pajonk and Dombrowsky 2006) Analog lässt sich eine Panik auf Finanzmärkten etwas umständlich definieren als eine Reaktion auf die Wahrnehmung einer Chancenreduktion auf null, eine existenzbedrohende Situation nach eigenen Vorstellungen positiv beeinflussen zu können. Die Akteure sehen den drohenden Verlust kommen, haben aber keine Möglichkeit, ihn aufzuhalten. Die Reaktion ist in beiden Fällen Flucht. Der Einzelne verliert die Kontrolle und reagiert mit psychischen Problemen. Weitere Wirkungen sind in dem einen Fall körperlicher Natur und in dem anderen ruinöser finanzieller Art.

John J. Fruin unterscheidet vier Elemente, die in einer Massenpanik von Bedeutung sind: (1) Die Kräfte, die sich dabei aufbauen, (2) Information durch Kommunikation der Akteure untereinander und mit ihrer Umgebung, (3) räumliche Verhältnisse sowie (4) zeitliche Faktoren, die Abläufe be- oder entschleunigen. Für alle vier lassen sich, wie aus dem unteren Teil der Übersicht hervorgeht, ohne näher darauf einzugehen (vgl. ausführlicher hier), Parallelen für eine Panik im Finanzsystem finden.

So weit die Theorie. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt beispielhaft die folgende Tabelle für Großereignisse. Hierbei wird unterschieden zwischen vorbeugenden Maßnahmen und dem Verhalten in einer akuten Notsituation. Wie Pajonk and Dombrowsky 2006 in diesem Zusammenhang betonen, haben “Interventionen nach Ausbruch einer Panik … so gut wie keine, präventive Maßnahmen vor extremen Belastungssituationen … dagegen hohe Erfolgschancen.“

Aus dieser Aufstellung ergeben sich vier Anforderungen, die in Krisensituationen allgemein gelten und damit auch in Fällen von Panik auf den Finanzmärkten:

-        Stichwort Information. Hierunter ist jede Art von Beobachtung und Überwachung und die Kommunikation in allen Stadien und auf allen Ebenen der Planung, Entscheidungsfindung, Organisation und Durchführung zu verstehen. Für das Geschehen auf den Finanzmärkten wäre es in diesem Zusammenhang wichtig, nicht nach Erklärungen für Krisenursachen in gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen – Staatsverschuldung, Außenhandel, privater Konsum etc. – zu suchen, sondern in engem Austausch mit Markteilnehmern, Finanzexperten und Crowd-Management-Spezialisten auf Marktentwicklungen und –besonderheiten aufmerksam zu werden, um entsprechend frühzeitig darauf zu reagieren. Beispiele für Reaktionen im Einzelfall gibt es schon: Man denke nur an den Einsatz von circuit breakers im Börsenhandel oder an die unbegrenzte Liquiditätsbereitstellung von Notenbanken in Fällen von Bankenruns. Soll präventives Verhalten Erfolg zeigen, dürfen Informationsaustausch und Kooperation allerdings nicht auf Krisenzeiten begrenzt sein. Zu denken wäre stattdessen an eine Art institutionalisierten, interdisziplinären Krisenstab mit entsprechender räumlicher und technischer Ausstattung als permanente Einrichtung.

-        Stichwort Ausbildung. Dies beinhaltet vor allem das Training von Personen in aktivem Crowd Management. Ansätze zur Katastrophenprävention betonen immer wieder, wie wichtig es ist, Personal „vor Ort“ zu haben. In dieser Hinsicht könnte an eine Einbeziehung von Marktakteuren in Schlüsselfunktionen gedacht werden.

-        Stichwort Klarheit. Unter allen Aspekten: Klarheit des Ausdrucks bei Ansagen und der Bereitstellung von Informationen und bei der Übermittlung von Signalen, Anweisungen und Erklärungen. Unmittelbar kommt hier die Kakophonie von Stimmen, die sich zu der Eurokrise äußern, in den Sinn. Sie ist nur ein Beispiel von vielen, das einer Orientierung der Menge entgegensteht.

-        Stichwort Aufrichtigkeit. Unter allen Umständen bei der Wahrheit zu bleiben, ist vielleicht für die Politik die größte Herausforderung. Zu viele Interessen und Ziele gilt es, unter einen Hut zu bringen. Aber eine Strategie beispielsweise, die auf Zeit spielt und unvermeidbare Entscheidungen hinauszögert, macht nur dann Sinn, wenn damit die konkrete Erwartung einer Marktberuhigung verbunden ist. Anderenfalls erhöht der Vertrauensverlust, der sich spätestens in der nächsten Krisenwelle einstellt, nur die allgemeine Unsicherheit und die Wahrscheinlichkeit einer Panik.

Die Aussichten, ein komplexes System wie die Finanzmärkte zu verändern, sind unabsehbar. Die Alternative besteht darin, sich in diesem System so einzurichten, dass negative Entwicklungen frühzeitig erkannt und begrenzt oder in ihren Wirkungen abgeschwächt  werden. Aktiver Katastrophenschutz, der Ansätzen einer Panik vorbeugt oder sie im Keim erstickt, würde der Politik im Erfolgsfall einiges von der Souveränität und Handlungsfähigkeit in Finanzkrisen zurückgeben, die Beobachter zur Zeit vermissen.

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